
Der Inhalt
In Violeta nimmt uns Isabel Abedi mit in eine Handlung, die über ein Jahrhundert erzählt wird. Wir lernen die gleichnamige Hauptfigur kennen, die während der Spanischen Grippe in Chile geboren wird. Isabel Allende lässt uns an Violetas Lebensabschnitten teilhaben: Die Kindheit in der Abgeschiedenheit, die erste Ehe, alles überschattet von dem Wunsch zwischen Freiheit und Geborgenheit.
Isabel Allende spricht in Violeta politische Themen an. So erleben wir nicht nur die Folgen des ersten und zweiten Weltkriegs, sondern erfahren auch welche Auswirkungen der Kalte Krieg inklusive der Diktatur auf die Figuren in diesem Hörbuch haben.
Einerseits fand ich es spannend wieder in eine Familiengeschichte einzutauchen, die über mehrere Generationen erzählt wird. Isabel Allende arbeitete aus meiner Sicht gut heraus was die einzelnen Generationen miteinander verbindet, aber auch was sie trennt, was unter anderem auch mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun hat.
Andererseits fehlte mir hier die Verbindung zwischen historischen Gegebenheiten und den direkten Auswirkungen auf unsere Figuren. Gelegentlich gab es für mich zwar Forrest-Gump-Momente, weil Violeta auf Figuren trifft, die das Leben in Chile maßgeblich beeinflussen, auch, wenn sie nicht immer in der ersten Reihe stehen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass Violeta und die anderen Figuren das politische Geschehen aus der Entfernung beobachten.
Da die Handlung so angelegt war, dass sie über ein ganzes Jahrhundert erzählt wird, hätte ich mir auch gewünscht, dass wir Violeta dabei begleiten, wie sie sich mit den gesellschaftlichen und auch technischen Veränderungen auseinandersetzt:
Während sie ihre Wahlheimat noch mit dem Zug und einem Karren erreicht, der von Tieren gezogen wird, besitzt sie irgendwann ein eigenes Auto und reist mit dem Flugzeug in andere Länder. Das, was ich als Meilenstein empfand, wirkte in der Handlung für mich eher wie nebensächliche Themen.
Im letzten Drittel hat mich Isabel Allende inhaltlich etwas verloren. Hier hatte ich den Eindruck, dass sie sich zu weit von den Figuren entfernt. Ich bin drangeblieben, weil ich wissen wollte, wie die Handlung endete, hatte aber den Eindruck, dass die Handlung im letzten Drittel vor sich hin plätscherte.
Die Figuren
Was Isabel Allende sehr gut gelingt ist uns die unterschiedlichen Figuren mit ihren positiven und negativen Eigenschaften näherzubringen.
Die Handlung wird aus der Sicht von Ich-Erzählerin Violeta erzählt. Das Interessante ist hier, dass wir erleben wie Violeta die Personen um sich herum wahrnimmt. Violeta wird aus meiner Sicht als sehr reflektiert beschrieben. Sie hat viel über die Entscheidungen nachgedacht, die sie in ihrem Leben getroffen hat und ordnet sie auch für uns ein. Ihre Unschlüssigkeit hinsichtlich bestimmter Themen greift Isabel Allende gut auf. Dennoch war Violeta für mich eine Person, die oft durch die Handlung stolpert und nur gelegentlich aktive Entscheidungen trifft. Merkwürdigerweise hat mich das aber nicht gestört.
Ich mochte vor allem die Nebenfiguren in diesem Hörbuch: Da wäre beispielsweise ein Hausangestellter, der die Familie bis in die selbsternannte Verbannung begleitet, Violetas älterer Bruder, der zu seiner Familie hält, egal, was komme, Miss Taylor, eine Lehrerin, die eigens für Violetas Erziehung aus Irland auswandert und immer Miss Taylor bleiben wird. Die Nebenfiguren haben die Handlung für mich rund und auch lebendig werden lassen.
Die Hörbuchgestaltung
Das Hörbuch wurde ungekürzt sowohl als Hörbuch-CD als auch als Hörbuch-Download produziert. Einerseits erstaunt es mich sehr, dass es dieses Hörbuch noch als CD-Ausgabe gibt, weil der Titel bereits vier Jahre alt ist. Andererseits zeigt das auch, dass die CD-Käufe inzwischen rückläufig sind, weil die Auflage offenbar so groß kalkuliert wurde, dass es immer noch einen Restbestand gibt.
Obwohl ich die Handlung stellenweise als zäh erlebte, bin ich froh, dass der Hörverlag hier an einer ungekürzten Ausgabe festgehalten hat. Bei einer gekürzten Ausgabe wäre aus meiner Sicht viel an der Atmosphäre der Handlung verloren gegangen und genau diese Gemütlichkeit machte für mich auch den Charme der Handlung aus.
Angela Winkler taucht mit uns in Violetas Geschichte ein. Ihre Stimmfarbe ist etwas dunkler, aber nicht tief, was für mich trotzdem dafür sorgte, dass sie etwas älter klingt. Da Violeta auf ihr Leben zurückblickt und hundert Jahre alt ist, hat sich der Hörverlag zurecht für eine Sprecherin entschieden, die etwas älter klingt.
Angela Winkler gibt den verschiedenen Figuren keine eigenen Stimmen, sondern arbeitet in ihrer Interpretation vor allem mit der Betonung. Den Großteil der Handlung liest sie mit einer weichen Stimme, die gleichzeitig auch einen Rhythmus mit sich bringt, sodass ich den Eindruck hatte, durch die Handlung getragen zu werden.
Je älter Violeta aber wird, desto brüchiger wird Winklers Stimme. Hinzu kommt auch, dass sie mehr mit Pausen arbeitet, was Violetas Innehalten und Zurückblicken gut untermalt.
Der Schreibstil
Isabel Allendes Schreibstil hat mich hier ziemlich beeindruckt weil sie Violetas Veränderungen sprachlich subtil aber gekonnt herausarbeitet. Während Violeta die Indigene Bevölkerung Chiles zu Beginn als Indianer bezeichnet, ohne das Wort aber als Beleidigung zu verwenden, passt sie ihre Sprache im Laufe der Handlung an.
So auch ihre Beschreibung von deutschen Auswanderern, die in einer Kolonie leben. Anfangs werden sie als typisch arisch bezeichnet, irgendwann legt Violeta diese Formulierung ab, ohne aber darüber zu reflektieren.
Isabel Allende erzählt die Handlung als Briefroman, wobei es kein klassischer Briefroman ist, weil Violetas Brief über den ganzen Roman erzählt wird. Sie spricht einen gewissen Camillo an, was mich als Hörerin natürlich neugierig machte, weil lange nicht klar ist, wer Camillo ist.
Die Erzählperspektive ist für mich stimmig gewählt, auch wenn ich mir hier und da gewünscht hätte, dass das Stilmittel des Briefes noch ein bisschen mehr in die Handlung eingebaut wird, wie beispielsweise Violeta, die den Brief unterbrechen muss, oder Anspielungen darauf, dass manche Briefe kodiert sind. Allerdings hätte das den Fokus der Handlung verschoben.
Gesamteindruck
Violeta ist das passende Hörbuch für alle, die nach Südamerika reisen und ein bisschen von der Kultur mitbekommen möchten. Mit Violeta können wir das über mehrere Generationen tun. Die Handlung wird in einem gemütlichen Tempo erzählt, hält aber immer wieder spannende Momente für uns bereit.
Violeta ist für mich ein Hörbuch, das mir kurzweilige, gute Unterhaltung beschert hat, auch, wenn mir das gewisse Etwas fehlt.
Infos zum Hörbuch
Violeta
Geschrieben von: Isabel Allende
Gelesen von: Angela Winkler
Bewertung: 3 von 5 Herzen
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