Auf der Suche nach dem Schlaraffenland – Realtalk am Europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderung

Zwei Menschen, die als Silhouetten dargestellt sind, besteigen einen Berg und helfen sich gegenseitig. Darüber steht GEFORDERT.
Bild von: Emma Zecka

Hallo zusammen,

Kürzungen im Sozialen Bereich, wie zuletzt in einem Papier einer Arbeitsgruppe unserer Bundesregierung hinter verschlossenen Türen geplant, oder Äußerungen, wie die des Stuttgarter Oberbürgermeisters Frank Nopper, der die Eingliederungshilfe, eine wichtige Leistung für Menschen mit Behinderung als Schlaraffenland mit dem jetzt Schluss sei, bezeichnete, zeigen mir, dass die Politiker*innen in anderen Lebenswelten leben und nicht wissen, wie der Alltag von vielem Menschen mit Behinderungen aussieht.

Wie denn auch? Schließlich ist nur ein geringer Prozentsatz von ihnen in der Politik vertreten.

Deswegen nutze ich den diesjährigen Europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderung für eine Runde Realtalk und nehme euch mit in meinen Alltag, erzähle euch, wie ich in den verschiedenen Lebensbereichen zurechtkomme und warum ich mich dazu entschieden habe einen Antrag auf Leistungen der Eingliederungshilfe zu stellen.

Wichtig: Ich gehe auch auf die Lebensbereiche ein, die nichts mit den Leistungen der Eingliederungshilfe zu tun haben, aber aus meiner Sicht trotzdem wichtig sind.
Und: nebenbei räume ich auch mit ein paar Klischees auf, mit denen Menschen mit Behinderung oft konfrontiert sind. Neugierig? Auf geht’s!

Die Fakten

In diesem Abschnitt gibt es im ersten Teil einen kleinen Überblick darüber, wie das Gesetz Behinderung definiert und welche Nachteilsausgleiche uns das in der Theorie (und manchmal auch der Praxis) bringt.

Im zweiten Teil beschreibe ich euch kurz welche Behinderungen ich habe und wie sie sich auf meinen Alltag auswirken.

Hinweis für die nächsten beiden Abschnitte, in denen ich auf die rechtlichen Grundlagen eingehe:

Dieser Inhalt gibt lediglich einen allgemeinen Überblick über rechtliche Grundlagen und ersetzt keine juristische Beratung. Ich übernehme keine Garantie für Richtigkeit oder Vollständigkeit, sondern fasse die Paragraphen hier lediglich so zusammen, wie ich sie verstanden habe und beziehe ausschließlich die rechtlichen Grundlagen mit ein, die wichtig für meinen Artikel sind.

Um einen umfassenden Überblick über alle Leistungen zu bekommen, die Menschen mit Behinderung zustehen, verweise ich an eine Beratung in einer Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB).

Wichtig: Auch dort darf keine einzelfallbezogene Rechtsberatung stattfinden, jedoch werdet ihr dort zu allen Leistungen der Teilhabe sowie deren Beantragung informiert und beraten.

Habe ich eine Behinderung?

Du hast…

  • eine Körperbehinderung z.B. nutzt einen Rollstuhl, eine Gehhilfe, hast eine Spastik
  • eine Sinnesbehinderung z.B. trägst Hörgeräte, bist ertaubt, bist sehbehindert oder blind.
  • eine Lernbehinderung
  • eine seelische Behinderung z.B. Depression, Angststörung
  • oder eine neurodivergente Diagnose wie z.B. ADHS oder Autismus-Spektrum

und stößt in deinem Alltag auf Barrieren. Hier skizziert am Beispiel Öffentlicher Nahverkehr:

Du kannst beispielsweise:

  • die öffentlichen Verkehrsmittel nicht oder nur mit fremder Hilfe nutzen, weil Bus und Bahn nicht barrierefrei sind.
  • kannst die Durchsagen in der Bahn nicht hören, oder die Anzeige in der Bahn nicht lesen.
  • kannst den Fahrplan nicht lesen, weil Du den Text nicht verstehst.
  • kannst nicht mit dem Bus oder der Bahn fahren, weil dir Menschenmengen Angst machen
  • kannst nicht mit dem Bus oder Bahn fahren, weil du die Reize (Gerüche, Geräusche) nicht filtern kannst.

Dann hast du eine medizinische Diagnose und bist in deiner Teilhabe am Leben in der Gesellschaft eingeschränkt, weil du mit einstellungs-, und umweltbedingten Barrieren konfrontiert bist. Du giltst dann nach § 2 Absatz 1 Satz 1 SGB 9 als Mensch mit Behinderung.

Weil du eine medizinische Diagnose hast und diese Diagnose dafür sorgt, dass du im Alltag auf Barrieren stößt, giltst du nach § 99 Absatz 1 Satz 1 SGB 9 als Mensch mit einer wesentlichen Behinderung und hast damit Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe.

Was bringen mir Leistungen der Eingliederungshilfe?

Die Eingliederungshilfe hat nach § 90 SGB 9 zur Aufgabe Menschen mit einer wesentlichen Behinderung eine individuelle Lebensführung zu ermöglichen, die der Würde des Menschen entspricht und dafür sorgt, dass Menschen mit Behinderungen ohne Probleme gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilnehmen können. Genau dieses Recht ist aktuell in Gefahr.

Die Lebenshilfe hat einen umfangreichen Artikel über die Leistungen der Eingliederungshilfe geschrieben. Hier werden die Leistungen der Eingliederungshilfe im Einzelnen aufgezählt und erklärt ab wann ihr diese Leistungen beantragen könnt.

In meinem Artikel konzentriere ich mich vor allem auf die Assistenzleistungen nach § 78 SGB 9, die Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollen.

Assistenzen unterstützen Menschen mit Behinderung bei den Dingen, die sie aufgrund ihrer Behinderung nicht, oder nur teilweise selbstständig machen können.

Wie viele Personen bekommen aktuell tatsächlich Eingliederungshilfe?

Die Träger der Eingliederungshilfe organisieren sich bundesweit in der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe und der Eingliederungshilfe (kurz BaGüS).

Die BaGüS veröffentlicht regelmäßig Statistiken über aktuelle Daten der Menschen mit Behinderung, die Eingliederungshilfe-Leistungen bekommen oder schreibt Empfehlungen wie beispielsweise Empfehlungen und Orientierungshilfen, an denen sich die Eingliederungshilfen in eurer Region orientieren werden, wenn sie eure Anträge bearbeiten.

Im Jahr 2024 haben 495.722 volljährige Menschen mit Behinderung Assistenzleistungen bekommen. 301.498 Menschen mit Behinderung bekamen die Assistenzleistung ohne in einem Wohnheim oder einer WG für Menschen mit Behinderung zu leben. 190.704 Menschen mit Behinderung bekamen die Leistung, weil sie in einem Wohnheim oder einer WG für Menschen mit Behinderung lebten (auch besondere Wohnform genannt).

Zum Vergleich: Ende 2024 lebten 83,6 Millionen Menschen in Deutschland. Wir sprechen also über eine aus meiner Sicht vergleichsweise geringe Personengruppe verglichen mit der Gesamtbevölkerung Deutschlands.

Quelle: Kennzahlenbericht der BaGüS mit den Zahlen aus 2024.

Welche Behinderung habe ich eigentlich?

Bevor ich auf die einzelnen Lebensbereiche eingehe, einen kurzen Überblick über meine Behinderungen:

Ich bin seit Geburt auf dem linken Auge blind und habe auf dem rechten Auge inzwischen einen Sehrest von ca. 2%, der stark tagesformabhängig ist. An schlechten Tagen sehe ich meine Umgebung verschwommen, bin mir nicht immer sicher, ob ich die Gesprächspersonen, die mir gegenübersitzen, wirklich anschaue und verliere auch in mir bekannten Räumen kurzzeitig mal die Orientierung.

Wenn ich allein unterwegs bin, nutze ich zur Orientierung einen Blindenstock. Mein Blindenstock weiß zwar nicht, wo ich hin möchte, zeigt mir aber Orientierungspunkte an, wie beispielsweise verschiedene Bodenuntergründe und Beläge, Bordsteine, Hindernisse wie Schilder oder Stände von Läden, Diese Orientierungspunkte brauche ich um im Alltag Wege zu lernen bzw. mich auf bekannten Wegen orientieren zu können.

Ich laufe mir vertraute Wege allein, muss mir neue Wege aber erst mit fremder Hilfe erarbeiten und sie auswendig lernen, bevor ich sie allein gehen kann. Je nach Weg dauert das eben seine Zeit.

Hinzu kommt auch, dass ich beidseitig Hörgeräte trage, mein linkes Ohr sich irgendwo zwischen Schwerhörigkeit und Taubheit befindet und mein rechtes Ohr mit einer mittelgradigen Schwerhörigkeit diagnostiziert wurde. Auf mein Richtungshören, das blinden Menschen bei der Orientierung hilft, kann ich nicht zuverlässig zurückgreifen.

Die Lebensbereiche

Kommen wir also nun zu den verschiedenen Lebensbereichen:

Die Arbeit

Der Weg ins Berufsleben

Schon während meines Studiums bekam ich mit, dass es für Menschen mit Behinderung schwierig sei, Studium hin oder her, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Mein Eindruck ist, dass es an zwei Dingen liegt: Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen und dem Nicht-Wissen von Unterstützungssystemen wie beispielsweise Leistungen für Arbeitgebende. Wenn man nicht sofort in Arbeit komme, gebe es Maßnahmen von der Agentur für Arbeit, etwas das sich für mich wenig zielführend anhörte.

Ich hatte großes Glück, weil ich durch meine unbefristete Absicherung in der Familienversicherung und meine finanzielle Absicherung erstmal nicht gezwungen war mich arbeitslos zu melden. Ein Luxus, der definitiv nicht selbstverständlich ist.

Ständig krank? Nicht mit mir!

Eine Sorge, die auch bei meiner Einstellung in einem Nebensatz fiel, war, Menschen mit Behinderungen seien ja ständig krank. Meine längste Krankheit dauerte sechs Wochen und war im Rahmen einer geplanten OP nach fünf Jahren Berufstätigkeit. Ratet, wer ein schlechtes Gewissen bekam, weil ich nach fünf Jahren also dem Klischee von behinderten Menschen entsprach?

Wenn ich mir meine Krankheits-Statistik der letzten Jahre anschaue, liegt sie irgendwo zwischen 3-5 Tagen pro Jahr und liegt damit unter dem Durchschnitt der Krankheitstage von Arbeitnehmenden Personen.

Der Arbeitsweg

Ich habe eine 57%-Stelle mit einem Arbeitsweg von Haustür zu Bürotür von 2 bis 2 1/2 Stunden, je nachdem, wie die Bahn will. Dreimal die Woche bin ich im Büro, gehe mal Vormittags gegen 10:00 Uhr aus dem Haus, komme abends um 19:30 Uhr oder 20:30 Uhr nach Hause, oder verlasse das Haus um 6 Uhr um nachmittags gegen 17:00 Uhr wieder nach Hause zu kommen.

Auf meinem Arbeitsweg kann ich nicht vor mich hin träumen, sondern brauche meine Konzentration, weil ich sonst Orientierungspunkte übersehe und damit Gefahr laufe, mich zu verlaufen. Je nach dem wie viel Konzentration ich nach einem Arbeitstag noch zur Verfügung habe, kann es durchaus passieren, dass ich den ein oder anderen Orientierungspunkt übersehe oder aus meinem Pendel-Rhythmus komme.

Wenn die Durchsage im Zug ausfällt, erkenne ich meine Umgebung nicht, in dem ich aus dem Fenster schaue, sondern packe mein Smartphone aus, öffne den DB Navigator und vergleiche die Haltestellen mit der aktuellen Uhrzeit.

Meine Arbeit

Ich habe das große Glück einen Beruf zu haben, bei dem ich viele Aufgaben selbstständig erledigen kann. Dennoch gibt es Bereiche, wie beispielsweise für Beratungsanfragen recherchieren, Anträge mit ratsuchenden Personen ausfüllen, Netzwerktreffen wahrnehmen oder Außenstellen besuchen, für die ich meine Arbeitsassistenz brauche.

Eine Leistung, die mir nur deshalb zusteht, weil ich als Mensch mit Behinderung einen Schwerbehindertenausweis habe, eine Leistung, die Nachteilsausgleiche mit sich bringt, aber grundsätzlich freiwillig beantragt werden kann.

Hier beginnt schon die erste Schwierigkeit: Wer  auf eine Arbeitsassistenz angewiesen ist, kann seine Arbeit erst antreten, wenn der Antrag bewilligt und eine Person gefunden ist. Normalerweise hat der Kostenträger zwei Monate Zeit einen Antrag zu bearbeiten, meiner Erfahrung nach dauert es meistens länger.

Wenn die Assistenz einmal beantragt ist, gilt der Bescheid bei mir für ein Jahr, d.h. ich muss einmal im Jahr erneut bestätigen, dass ich Arbeitsassistenz brauche. Das wäre beispielsweise eine Änderung, die ich anpacken würde, wenn wir von Bürokratie-Abbau sprechen.

Autorinnenleben: Nebenberuf oder Liebhaberei?

Das Tolle am Selfpublishing ist, dass die komplette Verantwortung für meine Bücher bei mir liegt. Theoretisch kann ich selbst entscheiden, welchen Teil des Prozesses ich selbst übernehme und wann ich mir professionelle Hilfe hole.

Bei mir sind die Bereiche, die ich selbst übernehmen kann schon aufgrund meiner Behinderung klar abgesteckt. Ich werde mich weder in die Covergestaltung noch in den Buchsatz (Formatierung eines Buches) einarbeiten können. Auch Grafiken für Social Media kann ich nicht selbst erstellen.

Und an dieser Stelle, herzlich willkommen in meinem Hamsterrad: Rein theoretisch haben Menschen mit Behinderung auch bei einer freiberuflichen, selbstständigen Tätigkeit Anspruch auf Arbeitsassistenz, also eine Person, die nach Anleitung, die Aufgaben übernimmt, die ich aufgrund meiner Behinderung nicht, oder nur teilweise selbstständig machen kann.

Um Arbeitsassistenz beantragen zu können, brauche ich als Selbstständige ein regelmäßiges Einkommen. Mein letzter Stand war, dass es monatlich mindestens das Gehalt einer Grundsicherung empfangenden Person (derzeit in Regelbedarfsstufe 1 ein Beitrag in Höhe von 563 €) sein muss.

Also habe ich hier zwei Optionen: Mehr Leistungen einkaufen, oder darauf hoffen, von grafisch begabten Menschen unentgeltlich unterstützt zu werden.

Gesundheit

Je nachdem wie viele Erkrankungen ein Mensch mit Behinderung hat, nimmt das Thema Gesundheit einen geringen oder hohen Raum ein.

Bei mir handelt es sich um Wellenbewegungen. Schwierige Jahre, mit spontanen Klinikaufenthalten (vorzugsweise in den Ferien oder an Brückentagen, damit nicht viel Schulzeit verloren geht), schwierigen Entscheidungen über medizinisch notwendige Operationen, je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtet, dem damit verbundenen Druck wenn Ärztinnen Entscheidungen nicht nachvollziehen können oder dem organisatorischen Aufwand, der mit einer Behandlung verknüpft ist. (Zuletzt im Rahmen meiner Zahn-Baustelle viel Wartezeit in Wartezimmern, sowie Operationen verbunden mit meinem Arbeitsausfall).

Dann gibt es aber auch Jahre, in denen ich nur Kontrolltermine wahrnehme, Rezepte einsammle ohne größere Probleme, Diskussionen oder Entscheidungen.

Aktueller Zwischenstand: Ich bin müde, freue mich aber, aktuell in gesundheitlich ruhigeren Gewässern zu schwimmen, nicht zuletzt, weil ich mich dazu entschieden habe, eine neue Baustelle abzusagen.

Alltag und Freizeit

Nun kommen wir zu den beiden Lebensbereichen, in denen die Leistungen der Eingliederungshilfe relevant werden. Genau diese Leistungen sollen gestrichen oder massiv eingeschränkt werden.

Nicht, weil die AfD zunehmend an Bedeutung gewinnt, sondern weil die Politik Gesetze beschließt, die Diskriminierung rechtlich erlauben (aktueller Entwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes) oder hinter verschlossenen Türen Vorschläge zur Einsparung des Sozialstaates planen. Dank dem Paritätischen ist letzteres öffentlich geworden.

Auf der Seite des Paritätischen könnt ihr in einem umfangreichen Dokument nachlesen, welche Pläne die Regierung verfolgt und auf welche Personengruppen sich die Änderungen auswirken.

Das Ende der Gerüchteküche

Wenn der Stuttgarter Oberbürgermeister von Schlaraffenland spricht, könnte es sein, dass er sich unter anderem auf ein Urteil des Bundessozialgerichtes bezieht, in dem ein Mensch mit Behinderung die Kostenübernahme einer notwendigen Urlaubsassistenz eingeklagt hatte. Warum? Weil er gerne eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff machen wollte.

Ich wiederhole: Er wollte nicht, dass seine Reisekosten übernommen werden, sondern die Kosten, der Assistenz, die es ihm ermöglichte die Kreuzfahrt überhaupt antreten zu können. Warum sollten ausgerechnet Menschen mit Behinderung eine Kreuzfahrt machen? Warum nicht? Für nichtbehinderte Verwandte von mir sind die Kreutzfahrtreisen das Urlaubsziel Nummer 1.

Ähnlich verhält es sich mit einem Urteil das Anfang des Jahres vom Landesgericht Baden-Württemberg getroffen wurde. Hier wollte ein Mensch mit Behinderung, der auf Assistenz angewiesen ist, eine dreiwöchige Japan-Reise machen. Das Gericht lehnte die Kostenübernahme ab, weil die Kosten nicht angemessen seien.

Innerhalb der letzten zwei Jahre habe ich drei nichtbehinderte Personen kennengelernt, die ihren Urlaub in Japan verbracht haben.

Meine Hürden im Alltag und damit verbundene Alltagstricks

Oben habe ich bereits geschrieben, wie sich meine Orientierung in freier Wildbahn gestaltet. Mein großes Glück in meiner Heimatstadt ist, dass ich einige Ecken kennengelernt habe, als mein Sehrest noch besser war und ich noch nicht tagsüber auf meinen Blindenstock angewiesen war.

Das erleichtert meine Orientierung, sorgt aber trotzdem nicht dafür, dass ich dauerhaft ohne fremde Hilfe klarkomme.

An dieser Stelle beschränke ich mich auf drei Beispiele:

Arzttermine:

In Arztpraxen ist oft viel los. Patient*innen, die am Tresen warten oder Mitarbeitende, die gut beschäftigt herumlaufen. Wenn ich zu Kontrollterminen in die Uniklinik muss, benötige ich in den Räumlichkeiten eine Begleitperson, die mich erst einmal zum richtigen Klinikgebäude bringt sowie vor Ort zu den Untersuchungsräumen begleitet. Das Personal dort hat keine Zeit mich dabei zu unterstützen. Die Energie mich auf eigene Faust durchzufragen habe ich nicht.

Auf dem Rückweg von meiner Augenarztpraxis fahre ich einen Umweg, weil meine Heimatstadt keine barrierefreie Lösung zur Verfügung stellt, die es mir ermöglicht auf der Rückfahrt die richtige Straßenbahn zu erwischen. (Es gibt zwar eine App, die von Grund auf aber fehlerhaft aufgesetzt wurde). Alternative: Ich könnte Menschen fragen. Allerdings sind nicht immer Leute vor Ort, bzw. müsste ich die Personen erst einmal finden.

Der Wocheneinkauf

Bei diesem Thema gibt es regelmäßig Diskussionen zwischen den Behörden, ob der Wocheneinkauf eine Leistung zur Teilhabe oder eine Leistung der Pflegeversicherung ist.

Wenn ich in einen Laden gehe, kann ich die Produkte nicht selbstständig finden. Natürlich gäbe es in Lebensmittelläden noch die Möglichkeit Produkte mit dem Barcode-Scanner einzuscannen. Das braucht viel Zeit und Nerven, weil nicht alle Produkte von meinem Scanner erfasst werden. Auch andere Kund*innen um Hilfe zu fragen, ist für mich keine Option.

Kurzum: Ich gehe in Begleitung einkaufen. Dabei sortiere ich den Einkaufszettel grob nach den Abteilungen, die im Laden zu finden sind, sodass wir keinen Hürdenlauf absolvieren müssen. Aufgabe meiner Begleitperson und zukünftig auch die meiner Assistenz wird es sein Produkte zu suchen und mir vorzulesen oder – bezogen auf andere Läden – Personal mit mir zu suchen, das mich beraten kann.

Es gibt wenige Städte mit noch weniger Lebensmittelgeschäften die Mitarbeitende zur Verfügung stellen, die mit blinden Personen einkaufen gehen. Zeit ist hier aber Mangelware. Discounter wie Aldi oder Lidl bieten diesen Service übrigens nicht zuverlässig an.

Es gibt Menschen mit Behinderung, die mit der Lösung zufrieden sind, sich vom Ladenpersonal helfen zu lassen oder auf Kund*innen vor Ort zurückzugreifen. Ich hingegen möchte unabhängig von Mitarbeitenden einkaufen können.

Treffen mit Freundinnen

Wenn ich mich mit Freundinnen in der Stadt treffe oder Freundinnen besuche, verhält es sich ähnlich. Ich wähle meinen Umstieg so aus, dass ich maximal eine Straßenbahn-Überquerung mit zwei Gleisen habe.

Wenn ich mich mit Freundinnen in der Stadt treffe, lasse ich mich meist an der Haltestelle abholen, zu der ich noch selbstständig komme. Spontane Planänderungen bedeuten für mich dann nicht, mich aufs Fahrrad schwingen und spontan woanders hinfahren zu können, sondern neu puzzeln. Kurzum: Alles Dinge, die mich Energie kosten.

Meine Freizeit

Wenn ich keine Begleitperson finde, bleibe ich daheim?

Während andere Menschen ihre Erholung in Urlaubsreisen finden, finde ich meine Inspiration in kulturellen Veranstaltungen. Egal, ob Konzerte, Lesungen oder Buchmessen, überall wo ich Input bekomme, ziehe ich neue Energie für Projekte oder den nächsten Roman. (Wie neulich nach einem Bücherstammtisch als mir die Idee für die nächste Buchreihe kam – aber dazu an anderer Stelle vielleicht mehr).

Meine Freundinnen haben einen anderen Musikgeschmack als ich oder weitaus mehr Hobbys. Weil ich gern Zeit mit ihnen verbringen möchte, frage ich in regelmäßigen Abständen trotzdem nach, ob sie mich auf ein Konzert begleiten wollen, oder mit mir nach Frankfurt zur Buchmesse fahren möchten. Das Interesse ist überschaubar.

Meine Freundinnen sind nicht für mich oder meine soziale Teilhabe verantwortlich.

Wenn sie keine Zeit oder keine Lust haben, mich zu begleiten, ist es an mir, mir andere Lösungen zu suchen um trotzdem hingehen zu können. Plan B: Meine Eltern, oder – wenn es um die Frankfurter Buchmesse geht, – Assistenzkräfte, die ich übers Internet finde, derzeit selbst finanziere und die mir eine Rechnung schreiben.

Der Besuch einer Veranstaltung ist für mich also derzeit mit viel Organisation, Überredungskunst oder Kosten verbunden. Dementsprechend wähle ich sehr genau aus, welche Veranstaltungen mir diesen Aufwand wert sind. Auch wenn ich froh bin, dass wir Corona mehr oder weniger überstanden haben, waren die vielen Veranstaltungen, die live gestreamt wurden, für mich also ein ziemlich großer Vorteil.

Mit meiner 57% Stelle verdiene ich derzeit etwas über 1.800 € netto. Leider habe ich also nicht die finanziellen Möglichkeiten, die Unterstützung, die ich brauche, selbst zu finanzieren und meine Assistenzkräfte fair zu bezahlen.

Deswegen begebe auch ich mich auf das Abenteuer Antrag auf Assistenzleistung. Nicht, weil ich dem Staat und den steuerzahlenden Personen, zu denen ich ebenfalls gehöre, zur Last fallen möchte, sondern weil ich keine andere Möglichkeit sehe, am Leben in der Gesellschaft teilzuhaben, ohne auf die Unterstützung von Freundinnen und Familie angewiesen zu sein.

Wo ist es? Das Schlaraffenland?

Könnt ihr es schon sehen? Das Schlaraffenland? Dann zeigt mir sehr gern den Weg.

Alltagsmüde

Auch wenn dieser Artikel nur einen kleinen Ausschnitt zeigt: Ich will ehrlich mit euch sein. Die letzten zwei Jahre kosten mich viel Energie. (Ja, ich weiß, niemand hat mich gezwungen eine Buchreihe zu schreiben und letztes Jahr den ersten Band zu veröffentlichen, okay zurück zum Thema).

Anfang 2024 begann meine Zahn-Baustelle, die drei Operationen und sehr, sehr viele Untersuchungen mit sich brachten (organisatorischer Aufwand). Die Baustelle endete irgendwann im vergangenen Jahr.

Fast nahtlos folgte mein Antrag auf das Persönliche Budget, die Leistung, die nicht etwa ein nettes Taschengeld für mich bedeutet, sondern die Hilfe finanzieren soll, die ich benötige um selbstbestimmt leben zu können.

Die Verhandlungen sind nach acht Monaten noch nicht abgeschlossen. Ob ich im Oktober mit einer Freizeitassistenz zur Buchmesse fahre, die bei mir angestellt ist, oder mir wieder eine Person übers Internet organisieren werde, weiß ich noch nicht.

Ihr lest: Ich bin müde davon, mein Leben organisieren, Anträge schreiben und teils mehrfach begründen zu dürfen. Es gibt Tage, an denen ich am liebsten hinschmeißen würde.

Allerdings bringt mich das keinen Schritt weiter, sondern sorgt nur dafür, dass ich weiterhin abhängig von anderen Personen bleibe.

Wenn ich also lese, dass Menschen aus der Politik, die offenbar keine Ahnung haben, wie der Alltag anderer Menschen so aussieht, von Schlaraffenländern träumen oder hart erarbeitete Rechte von Menschen mit Behinderung wieder abschaffen wollen, macht es mich wütend.

Mein Schlaraffenland

In meinem Schlaraffenland ist Teilhabe möglich, ohne, dass Menschen mit Behinderung ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie als Kostenfaktor bezeichnet werden. In meinem Schlaraffenland können Menschen mit Behinderung teilhaben, ohne Stunden mit Organisation verbringen zu müssen, selbstverständlich mit Plan B oder C im Hintergrund.

In meinem Schlaraffenland setzen sich Menschen aus der Politik und Leute aus der Praxis an einen Tisch um gemeinsam Lösungen zu suchen, Leistungen effizient zu gestalten, aber nicht mit dem Ziel Geld und Personal einzusparen, sondern Teilhabe zu ermöglichen und auch für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Welche Möglichkeiten wir haben

Am 05. Mai um 14:00 Uhr findet unter dem Motto Inklusion ist kein Sparmodell eine Kundgebung auf dem Kronprinzplatz in Stuttgart mit einem umfangreichen Programm statt.

Der Verein Sozialheld*innen e.V. organisiert am 05. Mai ab 15:00 Uhr eine Demo. Treffpunkt ist das Brandenburger Tor. Alle Infos findet ihr in diesem Instagram-Post.

Wie in diesem Beitrag schon mehrfach erwähnt: Es gibt immer noch das Arbeitspapier der Bundesregierung das umfassende Einsparungen in der Kinder-, Jugend-, und Eingliederungshilfe mit sich bringt.

Das Papier stärkt separate Systeme wie beispielsweise Förderschulen möchte individuelle Lösungen, wie die Assistenzleistungen streichen und fordert stattdessen, dass sich Menschen mit Behinderung eine Assistenz teilen, sprich mehr organisatorischer Aufwand und weniger Selbstbestimmung für einzelne Personen.

Was wir dagegen tun können? Die Lebenshilfe hat eine Petition gestartet, die bis zum 25. Mai auf dieser Seite unterzeichnet werden kann. Petitionen, die auf der Website des Bundestags geteilt werden, müssen von einem Petitionsausschuss bearbeitet werden.

Ein Blick über den Tellerrand

An dieser Stelle lege ich euch Beiträge von weiteren Menschen mit Behinderung ans Herz, die auf ihren Kanälen von ihrem Alltag mit Behinderung erzählen.

Behindert und in der Öffentlichkeit (eine Liste zusammengestellt von Amy Zayed)

Erfahrungsbericht: Blind auf die LBM (von Nadine von Stock und Stein)

Ich bin mehr als meine Behinderung (IGEL Podcast)

Über Glasknochen: Mit Leonard GRobien und Kübra Sekin  (Podcast-Folge von Die neue Norm).

Wann ich merkte, dass ich blind bin? (von Christian Ohrens)

Warum Deutschland Menschen mit Behinderung behindert? (Fun Facts mit Raul Krauthausen)

Was ist Teilhabe am Arbeitsleben? (Toni von VISIONSFREI Podcast).

Wie schaffst Du das alles? (Zum Beitrag von wheelymum)

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