Was man von hier aus sehen kann

Das Hörbuchcover von "Was man von hier aus sehen kann"
Bild von tacheles Hörbuch

Der Inhalt

Als Selma von einem Okapi träumt, ist das ganze Dorf in Aufruhr. Sie wissen nämlich, dass innerhalb eines Tages jemand sterben wird. Bisher war es immer so.

Während die einen auf den Tod hoffen, versuchen die anderen alles daran zu setzen ihm zu entkommen. Nur die Kinder Luise und Martin sehen das Ganze als großes Abenteuer. Bis der Tod dann vorbeischaut. Zu spät und völlig unerwartet.

Mariana Leky erzählt hier eine Geschichte über den Tod und den Weg zurück ins Leben, dicht gefolgt von der Frage, was das Leben eigentlich ist. Die Handlung wird aus Luises Perspektive erzählt, die Mariana Leky hier als allwissende Erzählerin gestaltet, wobei sich die Frage stellt, ob Luise wirklich eine allwissende Erzählerin ist oder wir die Handlung lediglich aus Luises Brille sehen.

In einem Großteil der Handlung tauchen wir in den Alltag der Dorfbewohnenden ein, erfahren von ihren Ängsten und Träumen und wie sie als Dorfgemeinschaft, so unterschiedlich sie auch sind, doch irgendwie zusammengehören.

Mariana Leky kehrt aber immer wieder zurück zu Luise und arbeitet die Themen heraus, die Luise all die Jahre nicht loslassen kann. Allen voran die Frage, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Sie hat sich nämlich ganz gut in ihrem Leben eingerichtet. Sie macht eine Ausbildung zur Buchhändlerin, die sie nicht richtig erfüllt, hilft ihrer Oma Selma, schaut ab und zu bei der griesgrämigen Marlies vorbei und kümmert sich um ihren Hund Alaska, der eigentlich der Hund ihres Vaters ist. Der ist aber seit Jahren auf Reisen.

Mariana Leky erzählt die Handlung leise und Schritt für Schritt, sodass mir die Entwicklungen erst nach und nach aufgefallen sind, aber es mir schwerfällt die einzelnen Schritte zu benennen, die dorthin geführt haben. Der Schwerpunkt der Handlung lag für mich vor allem darin, dass Luise lernt sich zu öffnen und dem Leben zu vertrauen.

Die Handlung ist für mich rund und stimmig, was nicht nur durch die Figuren vorangetrieben wird, sondern durch sich wiederholende Situationen, wie beispielsweise Momente, in denen Figuren ein Okapi begegnet oder sie von einem Okapi erzählen, oder Running-Gag-Momente, die nicht plump, sondern sehr gekonnt platziert und für mich sehr stimmig aufgelöst werden.

Die Figuren

Die Handlung ist allgemein sehr Figurengetrieben. Die Figuren werden nicht in Situationen hineingeworfen und müssen sich dann behaupten, sondern bringen die Situationen durch ihre Aktionen in Gang.

Mariana Leky nimmt uns mit in den Alltag der Dorfbewohnenden, aber ohne uns deren Geschichte zu beschreiben. Wir lernen sie in verschiedenen Situationen oder in Interaktion miteinander kennen. Dadurch hatte ich den Eindruck die Figuren genau zu kennen.

Luise als Hauptfigur scheint sich lange wie ein Schatten durch die Handlung zu bewegen. Sie läuft mit, nimmt vieles wahr, wird aber von anderen, unter anderem auch ihren Eltern, immer wieder übersehen. Die einzigen Konstanten in ihrem Leben sind ihre Oma Selma und ein Mann, der aufgrund seines Berufes von allen nur der Optiker genannt wird.

Spannend fand ich, dass Mariana Leky die Dorfbewohnenden und ihre Beziehung zueinander nicht groß erklärt und die Handlung trotzdem funktioniert. Ich habe beispielsweise lange gebraucht um zu verstehen, dass Selma Luises Oma ist. Ich dachte, sie wäre eine ältere Frau, die aufgrund der Tatsache, dass sie eben mehr Zeit hat als Luises Eltern, eine Beziehung zu Luise aufgebaut hat.

Die Hörbuchgestaltung

Das Hörbuch ist ungekürzt und sowohl als Hörbuch-CD als auch als Hörbuch-Download bei ROOF Music im Label tacheles erschienen. Ich habe mich sehr gefreut, dass es trotz rückläufiger CD-Verkäufe eine CD-Ausgabe zu diesem Titel gibt.

Es liest Sandra Hüller, die ihr vielleicht aus dem Film Anatomie eines Falls kennt. Sie hat eine dunklere Stimmfarbe, die ihr ermöglicht sowohl weibliche als auch männliche Figuren gekonnt zu sprechen, ohne, dass es unnatürlich klingt. Was mir sehr gut gefallen hat war ihre Lesegeschwindigkeit, die für einen tollen Rhythmus sorgt. Ich konnte wunderbar in die Handlung eintauchen und mitfließen.

Der Schreibstil

Was ich an Mariana Lekys Schreibstil sehr mochte waren die vielen sprachlichen Bilder mit denen sie arbeitet und die sie auch immer wiederholt. So wird Selma beispielsweise mit Rudi Carrell verglichen, Luises Vater lädt alle ein, die Welt hineinzulassen, oder Luise glaubt, zu verstockt, also zu verkrampft zu sein. Und immer dann wenn ich nicht damit rechnete, kam irgendeine Figur mit einem Okapi um die Ecke.

Durch diese Wiederholungen wurde die Handlung für mich rund und es gab für mich immer einen Moment zum schmunzeln, weil eine Wiederholung für eine lustige Situation sorgte oder eine schwierige Situation auflöste. Ich habe aber noch nicht herausgefunden, warum die Wiederholungen in Was man von hier aus sehen kann auf mich gelungen und nicht plump umgesetzt wirkten.

Gesamteindruck

Ihr kennt es vielleicht: Ihr seid auf der Suche nach einem Buch, in das ihr eintauchen könnt, das tolle Figuren, aber keine platte Handlung bereithält, sondern eine Geschichte erzählt, die euch in eine andere Welt entführt, euch zum Schluss hinauslässt, aber ihr mit einem zufriedenen Gefühl zurückbleibt und vielleicht gern noch etwas mehr Zeit in der Welt verbracht hättet.

Genau diese Stimmung erwartet euch in Was man von hier aus sehen kann. Dieses Hörbuch gehört wieder einmal zu den Titeln, die mir sehr gut gefallen haben und die ich gern noch einmal hören möchte, um vielleicht etwas mehr aus dem Schreibstil mitnehmen zu können.

Lieblingszitate

»Man kann sich die Abenteuer für die man gemacht ist nicht immer aussuchen.«
(»Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky, Track 25).

»Jetzt sind wir ganz allein«, sagte ich.
Der Optiker legte seinen Arm um mich und zog mich näher zu sich heran. »Keiner ist alleine, solange er noch wir sagen kann«, flüsterte er.
(»Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky, Track 31).

Infos zum Hörbuch

Was man von hier aus sehen kann
Geschrieben von: Mariana Leky
Gelesen von: Sandra Hüller
Bewertung: 5 von 5 Herzen

Bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.

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