Pi mal Daumen

Das Hörbuchcover von "Pi mal Daumen"
Bild von DAV.

Der Inhalt

Der 17-jährige Oskar hat es geschafft: Endlich wird er Mathematik studieren und endlich auf sein großes Idol Daniel Johannsen treffen. Als in der ersten Woche eine ältere Frau in den Vorlesungssaal kommt und Platz nimmt, so als wäre es das Normalste der Welt, glaubt Oskar, dass sie sich verlaufen hat. Da er kein Unmensch ist nimmt er sich ihr an. So findet heraus, dass sich Moni Koschinski nicht aus Versehen an der Uni eingeschrieben hat.

Damit beginnt nicht nur für Oskar ein spannendes Abenteuer.

Schon allein der Klappentext machte mich neugierig auf das Hörbuch, weil sehr schnell klar wird, dass Moni und Oskar nicht unterschiedlicher sein könnten. Der Einstieg in die Handlung ist Alina Bronsky wirklich gut gelungen. Wir lernen Oskar kennen, finden heraus, was sein Traum ist und dass er sich von nichts in der Welt davon aubbringen lassen wird, diesen Traum zu erreichen. Wir bekommen aber auch mit, was ihm fehlt und ihm vermutlich gut täte. Nämlich Menschen, die ihn so annehmen, wie er ist.

Der rote Faden in der Handlung war mir nicht immer ganz klar. Natürlich war mir bewusst, dass es um die Freundschaft zwischen Moni und Oskar geht. Jedoch war mir nicht klar, wie lange Alina Bronsky die Handlung erzählen wird. Geht es ihr vor allem darum den Start ins Studierendenleben zu zeigen? Oder will sie erzählen wie Oskar und Moni ihr Studium verbringen? Vor welchen Herausforderungen sie stehen und ob sie ihre Ziele im Laufe des Studiums anpassen?

Toll fand ich, dass gerade die Anfangszeit im Studium so ausführlich beschrieben wurde. In einigen Szenen habe ich mich sehr wiedergefunden, obwohl ich nicht im Traum daran denken würde, Mathematik zu studieren. Es ging nicht nur um die Verzweiflung der Studierenden vor der Klausurenphase, sondern auch um die Interaktion der Studierenden, das Aufeinandertreffen mit den Dozierenden, dem Wunsch nach Anerkennung, aber dem Wissen, dass es Dozierende gibt, die ihren Job durchziehen, egal, wer vor ihnen sitzt, während andere wirklich interessiert daran sind, den Menschen, die vor ihnen sitzen, etwas mitzugeben. (Also im Grunde wie in der Schule, oder?).

Unmerklich verschiebt Alina Bronsky den Fokus der Handlung. Irgendwann befinden wir uns nicht mehr in der Uni, sondern in Monis Wohnzimmer, hören Oskars Eltern ein Geburtstagslied singen und fragen uns, warum er nicht mit seiner Familie in den Urlaub fahren möchte.

Ab der Mitte der Handlung hat mich Alina Bronsky jedoch verloren und gerade beim Ende hatte ich leider den Eindruck, dass sie sich nicht die Zeit nehmen konnte, die Geschichte rund zu Ende zu bringen. Damit meine ich nicht, dass alle offenen Fragen beantwortet gehören. Ich hatte mehr das Gefühl, dass zum Ende hin ein Knopf gedrückt und die Handlung auf doppelte Geschwindigkeit gestellt wurde. Ich habe sie nicht mehr gespürt.

Die Figuren

Sehr beeindruckt war ich davon wie Alina Bronsky ihre Figuren eingeführt hat. Wenn ihr euch fragt was Show don’t tell ist und wie ihr das bei euren Figuren umsetzt, dann greift zu diesem Hörbuch oder meinetwegen auch zum Buch. Alina Bronsky präsentiert uns Ich-Erzähler Oskar ohne ein einziges Mal das Wort Autismusspektrumsstörung zu verwenden und das obwohl mich sein Verhalten sehr daran erinnert.

Dadurch, dass wir die Handlung durch Oskars Perspektive sehen, bekommen wir auch nur das mit, was Oskar wichtig ist oder eben wahrnimmt. Viele Informationen bleiben uns also verborgen. Genau das hat es für mich auch spannend gemacht, weil vieles unausgesprochen, aber dennoch so beantwortet wird, dass ich mir die fehlenden Puzzlestücke zurechtdenken konnte.

Mit Moni haben wir eine Figur, die sich nach langer Zeit endlich einen Traum erfüllt und herausfindet, dass sie dem Mathestudium gewachsen ist. Es hat mir so viel Spaß gemacht Moni auf ihrer Heldinnenreise zu begleiten und mitzuerleben, wie sie sich Stück für Stück ihr Leben zurückerobert.

Die Freundschaft zwischen Moni und Oskar beschreibt Alina Bronsky gekonnt. Sie funktioniert ohne, dass die beiden ihre Charakterzüge aufgeben müssen, aber dennoch Entwicklung möglich ist.

Die Hörbuchgestaltung

Das Hörbuch ist ungekürzt sowohl als Hörbuch-CD als auch als Hörbuch-Download im Audio Verlag erschienen, der nun schon seit einigen Jahren zur Penguin RandomHouse Verlagsgruppe gehört. Es hat mich sehr gefreut, dass der Audio Verlag trotz sinkender CD-Verkäufe auch an einer CD-Ausgabe festgehalten hat.

Wenn Romane von Figuren erzählt werden, denen viele zwischenmenschliche Informationen entgehen, stehen die Hörbuchsprechenden vor zwei Herausforderungen: Zum einen dürfen sie die Rolle der Erzählperson nicht vernachlässigen, zum anderen müssen sie aber auch durch ihre Interpretation die Emotionen der anderen Figuren transportieren. Dadurch wird den Hörenden nämlich bewusst, wie viel Informationen der Haupptfigur entgehen. Dieser Herausforderung hat sich Fabian Busch gestellt und die Handlung wirklich toll interpretiert. Busch liest Oskar mit einer kühleren Stimme und lässt auch wenige Pausen, was Oskars rationale Sichtweise auf sein Umfeld gut hervorhebt.

Wenn Busch in Monis Rolle schlüpft wird er weicher und baut kleine Pausen in seine Interpretation ein, sodass uns genug Raum bleibt, das Gehörte richtig zuzuordnen. Sehr gefeiert habe ich die Dialoge und zwar nicht nur die zwischen Oskar und Moni, sondern auch wenn wir beispielsweise auf Monis Familie treffen.

Der Schreibstil

Was mich an Alina Bronskys Schreibstil wirklich beeindruckt hat war, wie viel sie uns zeigt und nicht erklärt. Im Hörbuch fällt kein einziges Mal die Diagnose Ausperger-Autismusspektrumsstörung. Schon allein wie Alina Bronsky Oskar anlegt, die Herausforderungen zeigt, mit denen er im Alltag konfrontiert ist und mit welchen Lösungsstrategien er arbeitet, lässt ihn als Figur real werden.

Monis Lebenswelt zeigt uns Bronsky ebenfalls sehr gekonnt, lässt Oskar fragend und manchmal auch wertend darauf blicken.

Spannend fand ich auch wie sie das Problem mit der Mathematik gelöst hat. Ich habe absolut keine Ahnung von Mathe und mein Interesse an Mathematik ist auch mehr als begrenzt. Alina Bronsky hat es geschafft uns den Stress nahezubringen, den Mathe-Studierende, oder Studierende im Allgemeinen, empfinden, nahezubringen. Gerade wenn uns Bronsky mit in die Prüfungsphasen nimmt, habe ich mich an mein eigenes Studierendenleben zurückerinnert und war sehr froh, diese Lebensphase erfolgreich hinter mir gelassen zu haben.

Das Schöne an der Umsetzung von Oskars Asperger-Autismusspektrum fand ich, dass Alina Bronsky nicht wertet. Sie zeigt lediglich die Herausforderungen, zeigt aber auch, dass Oskar Lösungsstrategien hat. und auch in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln.

Gesamteindruck

Pi mal Daumen erzählt von der Freundschaft zweier Menschen, die nicht unterschiedlicher sein können, aber einen Weg finden ihre Freundschaft zu gestalten. Alina Bronsky nimmt uns mit in zwei unterschiedliche Lebenswelten und zeigt uns wie die Figuren mit den Herausforderungen umgehen mit denen sie konfrontiert sind.

Einzig und allein am Ende hat mich Alina Bronsky etwas verloren, weil ich das Gefühl hatte, dass die Handlung nun im Schnelldurchlauf zu Ende erzählt werden muss. Dennoch: Wenn ihr ein Hörbuch über Freundschaft und den schrägen Studierendenalltag mit all seinen Höhen und Tiefen sucht, seid ihr mit Pi mal Daumen sehr gut beraten.

Infos zum Hörbuch

Pi mal Daumen
Geschrieben von: Alina Bronsky
Gelesen von: Fabian Busch
Bewertung: 4 von 5 Herzen

Bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.

Hier findet ihr mehr Infos über Alina Bronsky.

Hier findet ihr mehr Infos über Fabian Busch.

Schreibe einen Kommentar

Wenn Du einen Kommentar abgibst, werden die eingegeben Daten und Deine IP-Adresse gespeichert. Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Weitere Informationen zur Datenspeicherung findest Du in meiner Datenschutzerklärung