Himmelerdenblau

Das Hörbuchcover von "Himmelerdenblau"
Bild von der Hörverlag

Der Inhalt

Liv hat gemeinsam mit ihrem Partner den erfolgreichen Podcast True Crime. Hier widmen sie sich anlässlich Julie Nowaks zwanzigjährigem Verschwinden dem Cold Case. Liv möchte gern Julies Vater interviewen, der inzwischen Demenz hat. Warum ist Julie vor zwanzig Jahren aus ihrem Elternhaus verschwunden? Wieso war die Lösegeldforderung so gering? Und warum haben ihre Eltern trotzdem die Polizei gerufen, obwohl in der Lösegeldforderung ausdrücklich stand, dass keine Polizei geholt werden soll?

Liv findet Stück für Stück heraus, dass einiges in diesem Fall nicht zusammenpasst. Wird sie erfahren was mit Julie wirklich passiert ist?

Romy Hausmann, die gemeinsam mit Mark Benecke den Podcast Hausmann und Benecke hat, nimmt uns hier mit auf eine Reise durch das Genre True Crime. Sie setzt sich kritisch mit dem Genre auseinander und zwar nicht nur dank der Podcasterin Liv, die damit konfrontiert wird, wie Hörende den Podcast wahrnehmen, sondern auch durch Julie Nowaks Geschichte. Schnell befand ich mich mitten im Rätsel raten, im Theorien aufstellen und sich fragen, ob es Liv wirklich gelingen wird, das Rätsel um Julies Verschwinden zu lösen.

Als wir dann mit der Auflösung konfrontiert waren, ertappte ich mich dabei, wie ich die Auflösung in Frage stellte und zweifelte. Dabei gab es gar nichts zum Zweifeln. Romy Hausmann erzählt hier schließlich eine fiktive Geschichte. Jedoch ertappte ich mir dabei, wie mir mein Wunsch-Ende besser gefiel, weil es mir logischer erschein. Aber nicht, weil Romy Hausmann schlecht erzählt, sondern, weil die Wahrheit um den fiktiven Fall etwas Tragisches mit sich bringt.

Und hier sind wir genau bei dem Fakt, den Menschen wie Natascha Kampusch erleben. Ihnen wird nicht geglaubt, weil es Menschen schwerfällt die Wahrheit nachzuvollziehen und es für sie leichter scheint sich eine Geschichte zurechtzudenken.

So ähnlich ging es mir mit der Auflösung von Himmelerdenblau. Ich konnte sie nachvollziehen, halte sie auch für realistisch, war aber auch ent-täuscht, weil ich zuvor einer Täuschung auferlegen bin. Romy Hausmann präsentierte mir eine zweite Version der Geschichte, die ich für ebenfalls realistisch gehalten habe – und zwar erschreckend realistisch. Als sie mich dann mit der Wahrheit konfrontierte, begann ich, wie einige Menschen an der Geschichte von Natascha Kampusch, zu zweifeln und das, obwohl es völlig unlogisch ist. Schließlich ist Julies Geschichte nicht real, was also bedeutet, dass Romy Hausmann entscheidet, wie sie endet.

Es hat mich beeindruckt wie Romy Hausmann die Fährten gelegt und wieder entwirrt hat und zwar so, dass keine offenen Fragen zurückgeblieben sind. Okay, vielleicht eine kleine, aber diese Frage war mir nicht so wichtig.

Romy Hausmann spricht in Himmelerdenblau verschiedene Themen an: Zum einen Manipulation. Liv ist mit einem manipulativen Vater aufgewachsen. Phil, ihr Lebens-, und Podcast-Partner hält sie klein und zwingt ihr seine Version von Julies Geschichte auf. Dann lernen wir eine Figur kennen, die Lara genannt und offenbar auch manipuliert wird. Zumindest glaubt sie endlich dahintergekommen zu sein.

Zum anderen auch das große Thema Beziehung: Wie viel tun wir für die Menschen, die uns wichtig sind? Können wir sie gehen lassen, wenn sie anderer Ansicht sind? Oder glauben wir die Kontrolle behalten zu müssen? Was sind wir bereit zu tun, um die Kontrolle nicht zu verlieren? Vielleicht sogar, weil wir uns und unser Gegenüber schützen wollen?

Alles wichtige Fragen, die sich nicht immer leicht und logisch beantworten lassen. Romy Hausmann zeigt uns eine Handlung, die nicht immer logisch wirkt und trotzdem gut zusammenpasst. Genauso ist auch das Leben. Wir können das Handeln unseres Gegenübers nicht immer nachvollziehen, dennoch ist es real.

Die Figuren

Romy Hausmann erzählt die Handlung aus der Perspektive mehrerer Figuren, die alle etwas mit Julie Nowak zu tun hatten:

Einen Großteil der Handlung erleben wir aus Livs Perspektive und der Perspektive von Julies Vater Theo.
Liv ist eine Figur, die schon eine Geschichte mitbringt, die uns Romy Hausmann nur in Ansätzen schildert. Diese Ausschnitte aus Livs vorherigem Leben lassen erahnen, dass sie es nicht immer leicht hatte und sich nach Sicherheit sehnt. Eine Sicherheit, die sie in ihrem Partner Phil sucht. Der ist jedoch mehr mit sich beschäftigt und scheint Liv nicht als den Menschen wahrzunehmen, der sie ist, sondern den er gerne aus ihr machen möchte.

Livs Unsicherheit dem Leben und auch ihrer Recherche zu Julie Nowak gegenüber, hat Romy Hausmann gekonnt herausgearbeitet. Ich habe mir ein Happy End für Liv gewünscht, eine Szene, in der sie es schafft zu sich zu stehen und vor allem, dass sie stark aus der Handlung hervorgeht.

Theo, der zwischen den Welten steht: Der Realität und der Vergangenheit. Er ist gefangen zwischen den beiden Welten, bekommt nicht immer sofort mit in welcher Realität er gerade ist. Das macht ihn misstrauisch den Menschen gegenüber, die ihn lieben und die ihn unterstützen wollen. Romy Hausmann hat es geschafft, dass ich Theo als Figur gut nachvollziehen konnte. Die Unruhe, die er in sich trägt, weil er wissen will, was mit seiner Tochter passiert ist und das Misstrauen der Welt gegenüber, weil er begreift, dass er nicht mehr alles versteht und somit nicht sicher ist, wem er wirklich trauen kann.

Eine wichtige Figur, die ich ebenfalls als Hauptfigur bezeichnen würde, ist Daniel, Julies Ex-Freund, der natürlich als Erstes verdächtigt wird etwas mit Julies Verschwinden zu tun zu haben. Romy Hausmann hat die Figur so angelegt, dass er auf mich eigenartig wirkte. Dennoch dachte ich, dass er bestimmt nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Für einen Thriller wäre das doch viel zu naheliegend, oder? Dennoch streute Romy Hausmann Zweifel. So fühlt sich Daniel für jemanden zuständig, den er nur Queen nennt und die offenbar in einem Käfig lebt. Allen erzählt er, dass es sich um einen Hund handelt. Aber wer weiß schon, ob das wirklich stimmt? Was ihn ebenfalls verdächtig wirken lässt, ist die Tatsache, dass ihn Romy Hausmann als Einzelgänger anlegt. Einen Menschen, der sich, seit Julies Verschwinden, von niemandem verstanden fühlt.

Dann gibt es noch die Unbekannte, die, aus ihrer Perspektive betrachtet, irgendwo gefangen gehalten wird. Der Mensch bei dem sie lebt, hat ihr den Namen Lara gegeben. Allerdings kann sie sich nicht damit identifizieren. Langsam aber sicher beginnt sie sich ihr Leben zurückzuerobern und gegen Widerstände anzukämpfen. Wird es ihr gelingen, sie zu überwinden?

Sophia, Julies Schwester, wünscht sich nichts sehnlicher als endlich mit dem Verschwinden ihrer Schwester abschließen und in ihr Leben starten zu können. Als Liv auftaucht und ihren Vater interviewen will, wittert sie Gefahr. Nicht nur, weil sie damit rechnet, dass er vorgeführt werden soll, sondern auch, weil dann alle Welt wieder über ihre Schwester spricht.

Romy Hausmann hat vielschichtige Figuren geschaffen. Nicht nur, weil sie alle Tiefe mit sich bringen, sondern auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht und Vorstellungen von ihrem Leben haben.

Die Hörbuchgestaltung

Romy Hausmann ist mit Himmelerdenblau Verlagsmäßig umgezogen. Der Thriller findet sein Zuhause nämlich im Hörverlag. Das Hörbuch wurde ungekürzt sowohl als Hörbuch-CD als auch als Hörbuch-Download produziert. Soweit ich informiert bin, sind die anderen Titel von Romy Hausmann in gekürzter Fassung erschienen. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, einen ungekürzten Titel von ihr hören zu können.

Ich bin wirklich begeistert was die Hörbuchgestaltung betrifft: Wir haben nicht nur eine tolle Besetzung an Hörbuchsprechenden, sondern dank dem Thema True Crime auch ein spannendes Stilmittel. So wurden im Hörbuch zwei fiktive Podcast-Folgen nachgestellt. Romy Hausmann und Florian Gregorzyk schlüpften in die Rollen von Liv und Phil. Die Podcast-Folgen werden mit einem Intro und einem Outro eingeleitet, sodass ein Unterschied zum restlichen Inhalt erkennbar ist. Während der Roman vorgelesen wird, sprechen Romy Hausmann und Florian Gregorzyk in gesprochener Sprache, also so, als würden sie sich wirklich unterhalten. Ich hätte gern gewusst, wie schwierig es war, den Text nicht zu lesen, sondern so einzusprechen, als ob es ein ganz normales Gespräch ist. Das Gespräch klang nämlich nicht gestellt. Emotionen wie Erstaunen oder Ratlosigkeit wurden gekonnt umgesetzt.

Das Hörbuch wird von Romy Hausmann, Felix von Manteuffel, Anna Maria Mühe, Uve Teschner, Florian Gregorzyk und Leslie Malton gelesen. Als ich von der Besetzung las, war ich mir zuerst etwas unsicher. Felix von Manteuffel und Uve Teschner gehören zu den Sprechern, die mir nicht so liegen. Umso überraschter war ich, sie in diesem Hörbuch in ihren Rollen zu erleben.

Felix von Manteuffel in der Rolle von Julies Vater Theo klingt schon aufgrund seiner tieferen, teils auch dünneren, Stimmfarbe genauso, wie ich mir einen älteren Herrn vorstelle. Durch seine Betonung zeigt er aber, wie viel Kraft in seiner Stimme steckt. Wenn sich Theo aufregt, liest Manteuffel schneller, was damit den Monolog in dem Theo festhängt, gekonnt hervorhebt. Wenn Theo verzweifelt, weil ihm wieder einmal ein Wort oder eine Erinnerung entfallen sind, wird Manteuffel zögernd und legt unmerkliche Pausen ein, die wir nur allzu gut kennen, wenn wir versuchen uns an etwas zu erinnern. Oft glaubt er, das richtige Wort erwischt zu haben und liegt dabei knapp daneben. Dieses knapp daneben liest von Manteuffel so, als wäre es das Normalste der Welt. Er kommt nicht aus dem Tritt und sorgt somit dafür, dass mir viele Wortkreationen nicht aufgefallen sind, weil ich Theo aufmerksam zugehört und mich davon nicht ablenken lassen habe.

Immer wieder kommt Theos Trotz zum Vorschein, der mich, trotz seiner Tragik, dank Felix von Manteuffels Interpretation zum Schmunzeln brachte. Vielleicht auch deswegen, weil ich mich ihm als Figur verbunden gefühlt habe.

Uve Teschner in der Rolle von Julies Ex-Freund Daniel, möchte ein ruhiges Leben führen, ohne viel Aufmerksamkeit. Das versauen ihm Liv und Phil sowas von gründlich. Uve Teschner hat Daniels Ruhelosigkeit und den Zwiespalt in dem er sich befindet, gut herausgearbeitet. Er möchte ein für allemal Ruhe, weiß aber nicht, wie viel er tun kann, um diese auch zu bekommen.

Anna Maria Mühe erleben wir hier in zwei Rollen. Zumindest wenn ich mich nicht verhört habe. Zum einen in der Rolle, die nur Lara genannt wird und zum anderen auch als Julies Schwester Sophia. Beide Figuren liest sie nach innen gerichtet. Sie sind leise, wollen nicht auffallen, sondern sich lediglich Stück für Stück ihr Leben zurückerobern. Beiden Figuren stehen Widerstände im Weg, die beseitigt werden müssen. Egal, mit welchen Mitteln. Ich kann gar nicht genau sagen, was Anna Maria Mühe bei ihrer Interpretation gemacht hat, damit ich vor allem mit Lara mitgefiebert habe. Ich glaube, es lag vor allem an der Betonung. Vor allem, wenn es Dialoge zwischen Lara und der Person gibt, die sie nur den Teufel nennt.

Romy Hausmann als Liv hat mich aufgrund ihrer guten Betonung beeindruckt. Ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass sie mir einen Text vorliest, sondern habe ihr die Rolle der Liv voll abgenommen. Das lag vor allem daran, dass sie Livs Zerbrechlichkeit und ihre Unsicherheit stimmlich herausgearbeitet hat.

Florian Gregorzyk schlüpft in die Rolle von Phil, Livs Lebens-, und Podcast-Partner und hatte damit eine Rolle, die ich nicht gerade mochte. Während er mir als Sprecher in den Podcast Folgen gut gefiel, hatte ich den Eindruck, dass er sich als Interpret des Inhaltes, der aus Phils Perspektive erzählt wird, etwas schwertat. Hier fehlte mir der Lesefluss. Florian Gregorzyk betonte den Inhalt, sodass er nicht monoton klang, jedoch hatte ich den Eindruck, dass hier die Melodie im Text fehlte. Da er aber nur einen kleinen Teil liest, störte es mich nicht, sondern ich war eher erstaunt, dass die schriftliche Sprache an dieser Stelle schwerer umzusetzen war.

Leslie Malton hat hier nur eine kleine Sprechrolle und zwar als Julies Mutter Vera. Sie hat eine tiefere Stimmfarbe, die sie älter klingen lässt. Dadurch, dass ihre Rolle nur sehr klein war, kann ich nicht viel zu ihrer Interpretation sagen. Sie arbeitete die Zerbrechlichkeit und die Trauer um ihre Tochter gut heraus.

Der Schreibstil

Romy Hausmanns Schreibstil hat mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt: Zum einen weil sie es geschafft hat, all die Figuren in diesem Hörbuch unterschiedlich klingen zu lassen und ihnen gleichzeitig Tiefe mitzugeben. Gerade bei Liv, die schon eine Lebensgeschichte mitbringt, bevor die eigentliche Handlung überhaupt beginnt, gab sie durch Andeutungen und wie Liv in der Gegenwart darauf reagiert, Tiefe.

Mit Daniel und Lara schaffte Hausmann Figuren, die mich an der Wahrheit zweifeln ließen und zum miträtseln anregten. In welcher Realität befinden wir uns? Welche Wahrnehmung stimmt? Die der Figuren? Die der Außenwelt? Oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?

Zum anderen beeindruckte mich wie Romy Hausmann Theo darstellt, der an Demenz erkrankt ist. Sie lässt ihn nicht nur nach Worten suchen und füllt Lücken mit dem Favoriten Nummer 1 nämlich Dings, sondern schenkt Theo eine Sprache, die oft knapp daneben an den richtigen Formulierungen liegt. Leider habe ich nicht daran gedacht, viele Formulierungen aufzuschreiben. So gibt es an dieser Stelle nur Beispiele wie um den kleinen Zeh wickeln, mit heruntergelüfteten Rollläden oder eine Koryglyphe anstatt der Koryphäe und die Parkgiraffe statt der Parkgarage.

Das Schöne ist das Romy Hausmann Theo als Figur nicht angelegt hat, um ihn vorzuführen. Ihn als Figur zu schildern, die sich Stück für Stück von ihren Erinnerungen verabschieden muss, ist ihr sehr gut gelungen.

Durch ihre Sprache schafft Romy Hausmann eine Nähe zu den Figuren und zum Setting und hat eine Handlung erzählt, die mich nicht mehr losgelassen und auch Tage danach noch beschäftigt hat.

Gesamteindruck

Mit Himmelerdenblau nimmt uns Romy Hausmann mit in eine fiktive True Crime Geschichte, wie sie vielleicht in einer anderen Form in vielen Podcasts Thema sein könnte. Sie konfrontiert uns mit den Schattenseiten des True Crime und der Wahrheit, die manchmal so unglaublich ist, dass es leichter ist jahrelang mit einer Lüge zu leben und diese zu glauben.

Ein Thriller, der mich beeindruckt hat und auch nachdenklich zurücklässt. Oft höre ich Hörbücher, weil sie für mich ein Ersatz zum Buch sind. Himmelerdenblau hingegen ist seit langem wieder eine Geschichte, die ich euch ausdrücklich als Hörbuch empfehlen möchte, weil vieles von der Handlung durch die Interpretation greifbarer wird.

Infos zum Hörbuch

Himmelerdenblau
Geschrieben von: Romy Hausmann
Gelesen von: Romy Hausmann, Felix von Manteuffel, Anna Maria Mühe, Uve Teschner, Florian Gregorzyk und Leslie Malton
Bewertung: 5 von 5 Herzen

Bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.

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Der Hörverlag hat mir dieses Hörbuch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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