Die Verlorene

Das Hörbuchcover von "Die Verlorene"
Bild von Argon Verlag

Der Inhalt

Als Laura das Haus ihrer überraschend verstorbenen Großmutter Änne ausräumt, fallen ihr Bilder und Briefe in die Hände, die von einer Änne erzählen, die weder Laura noch ihre Mutter kennengelernt haben. Änne, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs aus dem ehemaligen Schlesien nach Deutschland kam, hat nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen. Das macht die Spurensuche für Laura und ihre Mutter nicht gerade leicht.

Miriam Georg erzählt Die Verlorene aus zwei Perspektiven: In der Gegenwart begleiten wir Laura auf der Suche nach der Vergangenheit ihrer Großmutter. Im zweiten Handlungsstrang lernen wir die junge Änne kennen, die gemeinsam mit ihrer Familie auf einem Pferdehof lebt. Sie steht ihrer Zwillingsschwester Luise sehr nahe und kann die Vorstellung kam ertragen, dass sich ihre Wege irgendwann trennen könnten.

Inhaltlich interessierte mich der Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt, deutlich mehr. Ich hatte den Eindruck, dass hier mehr passiert, was natürlich auch am Setting lag. Die Handlung steigt während des Zweiten Weltkriegs ein. Ännes Familie kämpft am Hof um das Überleben, muss sich mit Fremdarbeitenden auseinandersetzen, die eigentlich Kriegsgefangene sind und als Arbeitskräfte am Hof mitarbeiten sollen. Außerdem hat die Familie ein Geheimnis, hinter das auch wir Hörenden erst Stück für Stück kommen.

Im Handlungsstrang in der Gegenwart hat Laura kaum Anhaltspunkte um mehr über Änne zu erfahren. Dieser Handlungsstrang hat mich sehr an die Doku-Serie Julia Leischik sucht: Bitte melde Dich erinnert, weil das Team zu Beginn der Recherche oft nur wenige Infos hat und häufig der Zufall zu den vermissten Verwandten führt. Dieser Wow-Effekt, der in der Serie toll transportiert wird, fehlte mir aber inhaltlich in Die Verlorene.

Das eigentliche Thema der Handlung war für mich nicht klar herausgearbeitet. Natürlich steht die Familie im Vordergrund, dicht gefolgt von der Frage, wie viel man für die eigene Familie riskiert. Der Schwerpunkt der Handlung lag für mich aber auch in der Beziehung der Zwillingsschwestern.

Was mich an Die Verlorene überrascht hat, war das Ende der Handlung. Die Auflösung habe ich fast geahnt, war aber doch überrascht, dass es kein klassisches Happy End gibt. Klingt es schräg, wenn ich schreibe, dass mir genau dieser Aspekt gefallen hat? Ich hätte nicht gewusst, wie man hier ein stimmiges Ende findet, ohne, dass es konstruiert wirkt. Miriam Georg arbeitet heraus, dass sich bestimmte Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen lassen. Wir lernen hier Figuren kennen, die nicht in der Lage waren, über ihren Schatten zu springen und stattdessen mit den Konsequenzen ihres Handelns leben mussten.

Die Figuren

Laura als Hauptfigur in der Gegenwart war mir zu schlicht gehalten. Ich hatte den Eindruck, dass man sie auch gut hätte austauschen können. Sie hat mich nicht gestört, es gibt aber auch keine Eigenschaft oder keine Handlung, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist.

Änne blieb mir fremd, weil sie Entscheidungen getroffen hat, die ich nicht nachvollziehen konnte. Miriam Georg hat die Entscheidungen und Ännes Hintergründe benannt und auch die Konfliktsteigerung gut herausgearbeitet. Gerade gegen Ende trifft Änne eine Entscheidung, bei der mir erst rückblickend bewusst geworden ist, dass sie damit einen großen Entwicklungsschritt gemacht hat.

Noch nie habe ich einen historischen Roman gehört, bei dem ich die negative Entwicklung von Figuren beobachten konnte. Gerade Ännes Zwillingsschwester kommt irgendwann an den Punkt, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr entschuldigen kann. Dass das nicht spurlos an ihr vorbeigeht, konnte ich gut nachvollziehen.

Die Hörbuchgestaltung

Die Verlorene wurde ungekürzt ausschließlich als Hörbuch-Download und gekürzt als Hörbuch-CD im Argon Verlag produziert. Bei mir ist die CD-Ausgabe eingezogen. Bis zu meiner Rezension war mir nicht bewusst, dass es sich um einen gekürzten Titel handelt. Im Grunde hatte ich nicht das Gefühl, dass mir Handlung fehlte. Ich frage mich aber auch, ob ich Änne oder auch Laura als Hauptfiguren hätte in der ungekürzten Fassung besser nachvollziehen können.

Es liest Tanja Fornaro, die bereits weitere Titel von Miriam Georg gelesen hat und fast die Stimme der Miriam Georg Romane ist. Sie hat eine tiefere Stimmfarbe, die sie etwas älter klingen lässt. Damit passt sie für mich sehr gut zum Setting des historischen Romans. Über den Großteil der Handlung hatte Tanja Fornaro eine gemütliche Lesegeschwindigkeit, die mich ebenfalls sehr an das Setting von historischen Romanen erinnert, weil die Handlung dadurch für mich etwas vor sich hinplätscherte.

Als die Handlung gegen Ende aber an Fahrt aufnimmt, zeigte sich das auch durch Tanja Fornaros Interpretation. Sie brachte eine andere Melodie in ihre Interpretation, wurde weicher, las leiser, was mir die traurige Stimmung etwas näherbrachte.

Der Schreibstil

Miriam Georgs Schreibstil ermöglichte mir einen schnellen Einstieg in die Handlung. Sie gibt viele Informationen vor, verrät uns, wie sich Figuren fühlen, was dafür sorgte, dass ich mich von der Handlung berieseln lassen konnte.

Von Miriam Georg habe ich bisher nur die Elbleuchten-Dilogie gehört und muss gestehen, dass sie mir im Schreibstil dort näher war. Ich mochte die Tiefe und die Vielfalt innerhalb der Themen, die sie anspricht. Die Verlorene bringt hier und da spannende Wendungen mit sich, für mich hebt sich das Hörbuch aber nicht von anderen historischen Romanen ab.

Vielleicht war das aber auch nicht Miriam Georgs Anspruch an die Handlung.

Gesamteindruck

Mit Die Verlorene erzählt Miriam Georg eine tragische Familiengeschichte, die zeigt, dass Entscheidungen ein Leben auf den Kopf stellen können. Sie nimmt uns mit in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und arbeitet heraus, wie ein Krieg Menschen verändert.

Wer einen historischen Roman im klassischen Sinne sucht, findet mit Die Verlorene eine spannende Unterhaltung.

Infos zum Hörbuch

Die Verlorene
Geschrieben von: Miriam Georg
Gelesen von: Tanja Fornaro
Bewertung: 3 von 5 Herzen

Hier findet ihr mehr Infos über Miriam Georg.

Hier findet ihr mehr Infos über Tanja Fornaro.

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Der Argon Verlag hat mir dieses Hörbuch kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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