
Der Inhalt
Bei dieser Rezension handelt es sich um die Besprechung des Folgebandes einer Reihe. Ich werde nicht inhaltlich zum Band spoilern, setze das Wissen aus den vorherigen Bänden für meine Rezension aber voraus.
Als Cormoran Strike auf Decima Mullins trifft, möchte er ihre Anfrage am liebsten ablehnen. Sie will, dass die Privatdetektei Strike und Ellacott klärt, dass es sich bei der verstümmelten Leiche, die in einem Silbergeschäft gefunden wurde, um ihren verschwundenen Partner Rupert Fleetwood handelt. Warum sonst, sollte er sie einfach so verlassen haben? Für die Polizei ist der Fall längst gelöst: Es war ein gesuchter Verbrecher.
Strike und Robin sind Anfragen wie die von Decima nicht fremd. Sie wollen nicht, dass ein Fall geklärt wird, sondern suchen lediglich Beweise für ihre Theorien. Doch Strike und Robin werden neugierig: Was hat es mit der Leiche auf sich? Ist es tatsächlich Rupert? Oder doch irgendjemand ganz anderes?
Das Interessante an der Handlung war für mich leider nicht der Kriminalfall. Ja, auch ich war neugierig, um wen es sich bei der Leiche handelt. Viel spannender fand ich aber die zwischenmenschlichen Konflikte, die uns J. K. Rowling in diesem Band liefert, allen voran die große Frage: Wird es Cormoran Strike endlich schaffen, seiner Geschäftspartnerin und besten Freundin Robin seine Liebe zu gestehen? Schließlich wurden wir am Ende von Das strömende Grab ja mit einem wirklich fiesen Cliffhanger zurückgelassen.
Der Tote mit dem Silberzeichen ist nicht der erste Fall von Cormoran Strike und Robin Ellacott in dem die Ermittlungen etwas in den Hintergrund geraten. Deswegen war es für mich nicht schlimm, dass sich diesmal der Fokus etwas verschoben hat. Ich hatte also nicht das Gefühl um einen Kriminalfall gebracht worden zu sein, weil wir natürlich Rätsel ratend unterwegs sind und zum Schluss auch eine schlüssige Auflösung geboten bekommen.
Was den Fall betrifft, sind Robin und Strike sehr lange orientierungslos, was die Ermittlungen für mich etwas zäh wirken ließ. So viele Fährten führten ins Leere und auch die Szenen, in denen J. K. Rowling die Befragungen von Personen beschreibt, waren für mich nichts Neues, weil wir diese Szenen auch aus den vorherigen Bänden kannten.
Was ich an dieser Reihe so liebe ist der Moment, wenn dem Ermittlungs-Duo der Durchbruch gelingt, aber wir als Hörende noch nichts von ihren Erkenntnissen erfahren, sondern miterleben, wie sie einen Plan schmieden, um die Personen zur Rede zu stellen, die für das Verbrechen verantwortlich sind. Das Tolle ist, dass bei der Auflösung alle offenen Fragen geklärt und Handlungsstränge miteinander verbunden werden. So bin ich nicht unzufrieden zurückgeblieben. Zumindest nicht, was den Kriminalfall betrifft.
Die Figuren
Was ich an J. K. Rowling mag ist wie sie ihre Figuren entwickelt und zwar über so einen langen Zeitraum hinweg:
Wir haben zum einen Strike und Robin als Hauptfiguren, die schon viel durchlebt haben. Aber es gibt auch zum anderen die Nebenfiguren, wie Strikes Halbschwester Lucy, Robins Partner Ryan Murphy oder die Angestellten der Detektei, die J. K. Rowling alle mit spannenden Charakterzügen ausstattet und sie dadurch vielschichtig wirken lässt.
Gleich zu Beginn des Hörbuches gibt es eine Szene in der alle Angestellten in der Detektei zusammenkommen. Hier hatte ich einen kurzen Harry-Potter-Moment, weil hier gezeigt wird, dass verschiedene Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen miteinander arbeiten und auch eine tolle Zeit miteinander verbringen können.
Kommen wir aber zu Strike und Robin:
Robin muss sich immer wieder gegenüber ihrem Umfeld abgrenzen, vor allem wenn es um ihre Arbeit geht. Sie liebt ihren Job, auch wenn er viele Gefahren mit sich bringt. Ihren Undercover-Einsatz bei einer Sekte hat sie nämlich immer noch nicht ganz verdaut. Außerdem wird sie mit den vielen geborenen Babys in ihrer Verwandtschaft konfrontiert. Da stellt sich die Frage, wann es auch bei ihr soweit sein wird. Murphy signalisiert ihr jedenfalls, dass er sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr wünscht. Aber will Robin das wirklich?
J. K. Rowling bringt durch Robins Geschichte feministische Themen in die Handlung ein und verschafft ihrer Figur dadurch tolle Empowerment-Momente. Robin schafft es, bei sich zu bleiben, auch wenn es nicht immer einfach ist.
Strike hat sich zum Ziel gesetzt Robin sobald wie möglich seine Liebe zu gestehen. Schließlich wurden sie bei seinem ersten Versuch von Ryan Murphy unterbrochen. Jetzt muss nur noch der richtige Moment kommen und wir alle ahnen, dass es ziemlich schwierig werden wird, diesen Moment abzupassen. Als Strike dann auch noch von einem Skandal eingeholt wird, befürchtet er, dass sein Ziel in weite Ferne gerückt ist.
Ich mag Robin und Strike als Hauptfiguren einfach. Robin lernt von Band zu Band zu sich zu stehen und zwar nicht laut und polternd, aber trotzdem so, dass ihre Grenzen für ihr Gegenüber klar sind. Strike entwickelt sich von einem Einzelgänger, der in jedem sozialen Kontakt Gefahr und Verletzlichkeit wittert, zu einer Figur, die langsam aber sicher Nähe zulässt. Das Schöne finde ich, dass J. K. Rowling diese Entwicklungen verteilt über so viele Bände erzählen darf. Es sind nämlich alles Schritte, die man nicht eben so gehen kann, sondern die eben Zeit brauchen.
Die Hörbuchgestaltung
Der Tote mit dem Silberzeichen wurde wie auch die vorherigen Bände ungekürzt von RandomHouse Audio produziert. In Zeiten in denen CDs kaum noch verkauft werden, freut es mich wirklich sehr, dass der Verlag auch an einer ungekürzten CD-Ausgabe festhält. Schließlich habe ich alle Bände der Reihe bisher zusammen und möchte jetzt ungern anfangen müssen, mir die Reihe als Printbücher zuzulegen.
Dank Dietmar Wunder habe ich jedes Mal das Gefühl wieder in ein literarisches Zuhause zu kommen. Er hat eine helle Stimmfarbe, die wir vor allem hören, wenn er die Handlung ohne Dialoge liest. Da es immer wieder längere Passagen gibt, die in indirekter Rede geschrieben sind, hebt Wunder den Inhalt durch seine Betonung hervor. Wichtige Wörter werden langsamer gesprochen als der restliche Satz. Durch Pausen gibt er uns die Möglichkeit das Gehörte zu verdauen.
Es ist so vertraut wie er die einzelnen Figuren interpretiert und durch kleine Feinheiten dafür sorgt, dass ich sie mir bildlich vorstellen konnte. Pat beispielsweise gibt er eine tiefe Stimme, lässt sie teils verbissen sprechen aber trotzdem so, dass wir erkennen, dass in ihr ein weicher Kern ist.
In diesem Band hatte ich erstmals den Eindruck, dass Dietmar Wunder die tiefen Stimmen etwas Mühe bereiten. Cormoran Strike beispielsweise hat er mit einer tiefen Stimmfarbe angelegt. Diese Stimmfarbe hören wir vor allem zu Beginn eines Dialoges. Während des Dialoges kehrt Wunder in seine gewohnte, helle Stimmfarbe zurück. Trotzdem hat das für mich nicht dafür gesorgt, dass ich innerhalb eines Dialoges den Überblick verloren habe. Ich frage mich jetzt, ob mir diese Art Dialoge zu lesen, erst in diesem Band aufgefallen ist, oder ob sich hier tatsächlich eine Änderung seiner Interpretation bemerkbar macht.
Der Schreibstil
Was J. K. Rowlings Schreibstil in dieser Reihe auszeichnet ist die Mischung aus personaler und allwissender Erzählperson. Meist befinden wir uns entweder in der Perspektive von Strike oder in der Perspektive von Robin. Wenn beide in einer Szene aufeinandertreffen kann es aber durchaus sein, dass wir in beide Köpfe schauen können. Dieses Stilmittel setzt J. K. Rowling so gekonnt ein, dass ich nicht das Gefühl hatte, dass die allwissende Erzählperson Informationen vorwegnimmt. Für mich wurde die Spannung eher befeuert, weil wir direkt mitbekommen, wie Gesagtes beim Gegenüber ankommt.
So arbeitete J. K. Rowling die Dynamik in der sich Strike und Robin befinden gut heraus: Dieses sich vorsichtige Annähern um dann wieder fünf Schritte zurückzugehen, wenn eine Aktion oder ein Wort des Anderen falsch interpretiert wurde. Natürlich kann man sich fragen, ob J. K. Rowling wirklich so viele Hörstunden gebraucht hätte, um diese Dynamik zu erzählen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass es den Weg gebraucht hat.
Gesamteindruck
In Der Tote mit dem Silberzeichen standen für mich vor allem die Figuren und ihre Entwicklungen im Vordergrund. Ich habe mich sehr gefreut wieder Zeit mit Strike und Robin verbringen zu können und hoffe sehr, dass es noch viele Bände dieser Krimireihe geben wird, auch wenn mal mehr mal weniger Krimi im Inhalt steckt.
Der Fall in dem Strike und Robin diesmal ermitteln wird solide erzählt und so aufgeklärt, dass für mich keine offenen Fragen zurückgeblieben sind.
Infos zum Hörbuch
Der Tote mit dem Silberzeichen (Band 8 der Cormoran-Strike-Reihe)
Geschrieben von: Robert Galbraith (J. K. Rowling)
Gelesen von: Dietmar Wunder
Bewertung: 4 von 5 Herzen
Bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.
Hier erfahrt ihr mehr über J. K. Rowling (als Robert Galbraith).
Hier erfahrt ihr mehr über Dietmar Wunder.
Weitere Bände
Der Ruf des Kuckucks* (Band 1)
Der Seidenspinner* (Band 2)
Die Ernte des Bösen* (Band 3)
Weißer Tod* (Band 4)
Böses Blut* (Band 5)
Das tiefschwarze Herz* (Band 6)
Das strömende Grab* (Band 7)
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RandomHouse Audio hat mir dieses Hörbuch sowie die mit * markierten Hörbücher kostenlos als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

