Babel

Das Hörbuchcover von "Babel"
Bild von Bastei Lübbe Audio.

Der Inhalt

Die Handlung beginnt mit einem spannenden Einstieg. Wir lernen einen Jungen aus Asien kennen, der im Sterben liegt. Wir finden heraus, dass seine Familie bereits gestorben ist. Als ein Mann auftaucht und ihm etwas verabreicht, geht es dem Jungen schnell besser. Es kann also nur etwas mit Magie zu tun haben. Der Fremde bietet ihm an, ihn bei sich aufzunehmen und ihm ein sorgenloses Leben zu schenken.

Im Gegenzug verlangt er, dass sich der Junge voll und ganz auf das Handwerk des Übersetzens konzentriert. Warum? Das bleibt vorerst sein Geheimnis. 

R. F. Kuang kombiniert hier das Thema Rassismus mit dem Genre der Urban Fantasy. Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert. Kuang erzählt von Rassismus, auch Alltagsrassismus, moderner Sklaverei. Sie hätte einen Gesellschaftsroman daraus machen können. Stattdessen steckt sie die komplexe und teils auch bedrückende Handlung in das Gewand der Fantasy, die uns zwar keine Leichtigkeit verschafft, aber dafür sorgt, dass wir neugierig auf etwas gemacht werden, das wir noch nicht kennen.

Warum ich die Handlung dem Genre Urban Fantasy zuordne? Die Magie ist nichts Neues für die Figuren. Unsere Hauptfigur, die Robin genannt wird, kommt schließlich nach Oxford um dort in der Fakultät der Übersetzenden zu studieren. Dort lernt er natürlich vieles, was er noch nicht weiß und das auch mit Magie zu tun hat. Die Magie an sich ist aber etwas Alltägliches, das nicht in Frage gestellt wird.

Das eigentliche Thema der Handlung nämlich Rassismus und die Auswirkungen auf die Figuren, fand ich um einiges interessanter, als die Magie, wobei es R. F. Kuang gut gelingt beides so miteinander zu verbinden, das das eine nicht ohne das andere funktionieren kann. Was mich sehr beschäftigt hat war, wie Rebecca F. Kuang Rassismus darstellt. Es sind scheinbar alltägliche Situationen, die plötzlich kippen, weil Personen bewusst rassistisch beleidigen oder Robin bzw. seine Freunde mit Rassismus konfrontiert werden. Ich bekam den Eindruck, dass der verbale oder körperliche Angriff auf die Personen immer aus dem Hinterhalt kommt. Was mich sehr frustriert hat war, dass das Thema Rassismus leider nach wie vor sehr aktuell ist.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Robin findet an der Universität schnell Anschluss. Zwei seiner engsten Freunde sind ebenfalls nicht in England aufgewachsen, sondern wurden von einem Vormund gefördert. Immer wieder bekommen sie von den Studierenden aus England gezeigt, dass ihre Arbeitskraft sehr gern gesehen wird, sie als Menschen aber nicht dazugehören.

Spannend fand ich auch den Bezug zur Religion. Viele von euch kennen die Geschichte um den Turm von Babel: die Menschen wollten einen Turm bauen, der zu Gott führt. In der Bibel wird die Handlung so erzählt, dass Gott ihnen unterschiedliche Sprachen geschickt hat, um den Turmbau zu verhindern. Entfernt erinnere ich mich an den Satz aus dem Religionsunterricht, dass diese Geschichte quasi das Beispiel für die verschiedenen Sprachen sei.

Meines Wissens nach wird die Handlung im Judentum aber anders erzählt und diese Version finde ich persönlich auch stimmiger. Hier schickt Gott ihnen nicht verschiedene Sprachen, sondern sorgt stattdessen dafür, dass sich die Menschen nicht mehr verstehen. Verstehen ist hier mit begreifen gleichzusetzen. Es bedeutet, dass unklar ist, was das Gegenüber meint, obwohl man dieselbe Sprache spricht.

Genau das hat Rebecca F. Kuang in Babel dargestellt. Es gibt eine Gruppe, die sich nichts sehnlicher wünscht, als verstanden zu werden, aber erkennen muss, dass das, was in ihnen vorgeht, die Konflikte von denen sie betroffen sind, für andere fremd und vor allem nicht nachvollziehbar sind. Anstatt sich für die Perspektive zu öffnen, die man nicht kennt, begegnet man der Gruppe mit Unverständnis und stellt zudem noch ihre Wahrnehmung in Frage.

Dieser Konflikt hat mir sehr gut gefallen, weil es zeigt, dass man dieselbe Sprache sprechen, aber sich trotzdem nicht vollkommen begreifen kann. Dennoch fand ich es sehr schade, dass es keine positive Auflösung des Konfliktes gab.  Letztendlich konnte ich das Ende aber nachvollziehen und fand es stimmig in Bezug auf die gesamte Handlung.

Die Figuren

Robin wird sehr zurückhaltend beschrieben. Er will nicht groß auffallen, bleibt im Hintergrund und hat Mühe sich mitzuteilen, was auch viel mit der Angst zu tun hat, von seinem Vormund verstoßen zu werden. Zu Beginn der Handlung genießt er die Welt, in der er lebt und möchte diese Welt auf keinen Fall verlassen müssen.

Robin begegnet in Oxford Griffin, der sich als sein Halbbruder vorstellt. Er konfrontiert ihn mit einer anderen Welt, die Robin bisher nicht wahrnehmen konnte und auch nicht wollte. Spannend finde ich, dass sich an dieser Stelle die Mentorenrolle verschiebt. Während Robins Vormund ihn in eine für ihn fremde Welt eingeführt hat, zeigt ihm Griffin eine neue Welt und teilt mehr oder weniger sein Wissen mit ihm.

Robins Freunde empfand ich eher als Nebenfiguren. Zwei von ihnen sind auch von Rassismus betroffen, was sie miteinander verbindet, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben und deswegen nachvollziehen können wovon sie reden. Toll fand ich, wie sie zu einer Gruppe zusammengewachsen sind,

Was Rebecca F. Kuang ansatzweise gut geschafft hat war zu zeigen, dass viele Figuren schon eine Geschichte vor der Geschichte haben. Wir erleben nur Auszüge davon, wissen aber, dass die Figuren schon viel miteinander erlebt haben.

Die Figuren blieben für mich aber dennoch blass, ansatzweise war für mich eine Entwicklung erkennbar. Sie wurde mir aber zu leise erzählt.

Die Hörbuchgestaltung

Das Hörbuch wurde ungekürzt von Bastei Lübbe Audio produziert. Selten entdecke ich Hörbücher, bei denen ich im Nachhinein wahrscheinlich eine gekürzte Fassung bevorzugt hätte. Leider gehört Babel für mich genau zu dieser Kategorie. Es liegt aber vor allem am Schreibstil auf den ich im nächsten Abschnitt eingehen werde.

Gelesen wird das Hörbuch von Moritz Pliquet, der eine helle Stimmfarbe hat, die mich entfernt an Frank Röth erinnert, der u.a. die deutsche Stimme von Professor Lupin in den Harry Potter Filmen ist. Plinquet interpretiert schlicht, aber betont trotzdem an den richtigen Stellen und arbeitet die Zwischentöne der Handlung daher sehr gut heraus.

Der Schreibstil

So gut mir die Idee von Babel gefallen hat, so genervt war ich leider von R. F. Kuangs Schreibstil. Mir war die Handlung viel zu passiv. Ich hatte das Gefühl einen Großteil der Handlung erzählt und nicht gezeigt zu bekommen,. Das sorgte bei mir dafür, dass ich den Schreibstil als zäh empfand und mehrfach überlegt habe, das Hörbuch abzubrechen.

Es gab Momente in denen nichts passiert und selbst als ca. ab der zweiten Hälfte viel auf einmal passiert, konnte mich die Handlung trotzdem nicht erreichen und ich musste feststellen, dass ich nicht wirklich mitfieberte. Ich fand es sehr schade, dass sich die Autorin für einen so passiven Stil entschieden hat, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es nicht daran liegt, dass ihr das Handwerk fehlt, um eine aktive Handlung zu erzählen.

Allerdings habe ich durch einen Austausch auch eine neue Perspektive auf den Schreibstil gewinnen können. Mir wurde erzählt, dass man People of Colour immer wieder unterstellt, dass sie bestimmte Texte nicht nachvollziehen können. Deswegen neigt man dazu, ihnen die Texte bis ins kleinste Detail zu erklären. Die Person, die mir das erzählt hatte, meinte, dass es genauso mit Babel sei und R. F. Kuang das Bis ins kleinste Detail erklären in dem Fall als Stilmittel verwendet hat. Aus dieser Perspektive betrachtet, finde ich das Stilmittel ziemlich genial und komme mir fast unfair vor, wenn ich mir mehr aktive Handlung wünsche.

Gesamteindruck

Kommen wir also zu meinem Fazit: Die Idee, die hinter der Handlung von Babel steckt, gefällt mir nach wie vor sehr gut. Interessant ist die Verknüpfung des Themas Rassismus mit dem Genre Urban Fantasy.

Dennoch konnte mich das Hörbuch auch aufgrund des Schreibstils nicht wirklich erreichen, weswegen ich etwas unzufrieden zurückbleibe.

Infos zum Hörbuch

Babel
Geschrieben von: R. F. Kuang
Gelesen von: Moritz Pliquet
Bewertung: 2 von 5 Herzen

Bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.

Hier findet ihr mehr Infos über R. F. Kuang.

Hier findet ihr mehr Infos über Moritz Pliquet.

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